2. Juni 2016: Enthüllung einer Gedenktafel zu Ehren von Rahel Hirsch - 17 Uhr, Kurfürstendamm 220, 10719 Berlin

Prof. Dr. med. Gabriele Kaczmarcyk (li), Universitätsprofessorin und Vizepräsidentin des DÄB sowie Mitglied der Regionalgruppe Berlin-Brandenburg, übernahm die Moderation, Prof. Dr. phil. habil. Eva Brinkschulte (re), Hochschullehrerin an der Medizinischen Fakultät Bereich Geschichte, Ethik und Theorie der Medizin (GET) von der Universität Magdeburg, die Laudatio.
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Prof. Dr. med. Gabriele Kaczmarcyk (li), Universitätsprofessorin und Vizepräsidentin des DÄB sowie Mitglied der Regionalgruppe Berlin-Brandenburg, übernahm die Moderation, Prof. Dr. phil. habil. Eva Brinkschulte (re), Hochschullehrerin an der Medizinischen Fakultät Bereich Geschichte, Ethik und Theorie der Medizin (GET) von der Universität Magdeburg, die Laudatio.
Rahel Hirsch, 1870 in Frankfurt am Main geboren, wuchs in einem intellektuellen, jüdisch orthodox geprägten Elternhaus auf und schlug zunächst die pädagogische Laufbahn ein. Nach dem Abschluss der Lehrerinnenausbildung in Wiesbaden 1889 war sie knapp zehn Jahre in der von ihrem Vater geleiteten Höheren Töchterschule als Pädagogin tätig, bevor sie 1898 – 28jährig – ihr Medizinstudium in Zürich aufnahm. Das Studienverbot für Frauen in Deutschland zwang sie dazu, die Schweiz als Studienort zu wählen. 1903 schloss sie ihr Medizinstudium in Straßburg mit der Promotion ab, um noch im gleichen Jahr an die Charité, der deutschlandweit renommiertesten Klinik und Forschungsstätte, zu gehen. Dort wirkte sie 16 Jahre in einem männlich dominierten, zuweilen militärisch geprägten Umfeld. 1908 übernahm sie eine leitende Position.

Sie veröffentlichte zahlreiche Aufsätze zu verschiedenen Forschungsfeldern der Inneren Medizin. Ihre anerkennenswerten wissenschaftlichen Leistungen führten dazu, dass ihr 1913 als erste Medizinerin in Preußen der Professorentitel verliehen wurde. Eine Lehrbefugnis war damit indes nicht verbunden. 1919 schied sie aus der Charité aus. Fortan betrieb sie in Charlottenburg eine eigene Praxis. Zu dieser Zeit hatte sie sich auf die moderne Röntgentechnologie spezialisiert.

Rahel Hirsch
Rahel Hirsch

Von einem Unbekannten im Oktober 1938 gewarnt, verließ sie über Nacht Berlin und konnte somit sehr knapp ihrer Deportation entgehen. In London kam sie zunächst bei ihrer Schwester unter, konnte jedoch beruflich nicht mehr Fuß fassen. Sie hätte – mittlerweile 68jährig – ihr Examen erneut ablegen müssen, wozu sie sich nicht imstande fühlte. Überqualifiziert verrichtete sie einfache Assistenzarbeiten im Labor. Unter dieser Exilsituation litt sie sehr. 1953 starb sie vereinsamt.

Rahel Hirsch kann als eine sehr selbstbewusste und selbstbestimmte Frau beschrieben werden, die ihre Lebenskraft ihrer Passion widmete – der Medizin. Es gelang ihr, sich in einem männlich dominierten Berufsfeld erfolgreich durchzusetzen. Ihr Karriereweg in Preußen und in Berlin kann als ein frühes, bedeutendes Beispiel weiblicher Emanzipation gewertet werden. Für ihre Vorreiterrolle, die daran erinnert, wie schwer es für Frauen vor 100 Jahren war, sich selbst zu verwirklichen, gebührt ihr die späte Ehrung im Rahmen des Berliner Gedenktafel-Programms.