Welche Rolle spielen Bewegung und Ernährung für eine gesunde Entwicklung im Kindesalter?

PD Dr. med. Ulrike Korsten-Reck, Sportmedizinerin und Oberärztin in der Abteilung Rehabilitative und Präventive Sportmedizin in der Medizinischen Universitätsklinik in Freiburg, wird Ihnen die Schlüsselrolle erläutern, die körperlicher Aktivität und Ernährungsweise im Kindes- und Jugendalter in Anbetracht der zunehmenden Prävalenz von Übergewicht und Adipositas und der Zunahme der Schweregrade auch in Deutschland zukommt. Die Eltern haben dabei eine Modellfunktion, da Ernährungs- und Aktivitäts- verhalten sowohl genetisch vorgegeben sind als auch über die familiäre Sozialisation geprägt werden. Die Daten des Kinder- und Jugendsurveys des RKI (KIGGS) dokumentieren die Gesundheitssituation und die motorischen Fähigkeiten erstmals repräsentativ für deutsche Kinder.

Mangelnde körperliche Aktivität wird mittlerweile als „das zentrale Gesundheitsproblem des dritten Jahrtausends“ angesehen. Die Ursachen hierfür sind vielschichtig. Es lässt sich eine Veränderung des Freizeitverhaltens mit einem vermehrten Medienkonsum und damit einhergehender Verhäuslichung feststellen. Vor allem in Großstädten finden Kinder eine erlebnisarme Umwelt mit begrenzten Bewegungsräumen vor. Daraus entsteht ein Mangel an Bewegungen und Bewegungserfahrungen. Im Kindesalter besteht allerdings ein enger Zusammenhang von sensorischer Wahrnehmung und motorischen Fähigkeiten. Gerade das Vorschul- und frühe Schulkindalter sind wichtige Zeitfenster in der Entwicklung der sensorischen Wahrnehmung. Viele Kinder und Jugendliche haben diesbezüglich große Defizite. Darüber hinaus ist erwiesen, dass ein enger Zusammenhang zwischen körperlicher Inaktivität und der Entwicklung von Übergewicht besteht.

Untersuchungen zeigen, dass übergewichtige Kinder weniger Zeit mit moderater bis anstrengender körperlicher Aktivität als normalgewichtige Gleichaltrige verbringen und die Kinder am dicksten sind, die den größten Medienkonsum und die geringste Bewegungszeit aufweisen. Es konnte auch gezeigt werden, dass das nicht organisierte Sporttreiben eine größere Bedeutung in der Vermeidung von Übergewicht als sportliche Aktivitäten im Verein hat. Dies unterstützt die besondere Bedeutung eines bewegungsreichen Alltags in der Prävention und Therapie von Übergewicht und Adipositas.

Auch bezüglich der Ernährung sehen wir zunehmende Veränderungen. Die Aufnahme von energiereichen Lebensmitteln, Fast-Food-Produkten sowie falsche und einseitige Ernährungsgewohnheiten kennzeichnen unsere heutige Gesellschaft. Kinder haben häufig keine geregelten Mahlzeiten und verzehren zu fettreiche Zwischenmahlzeiten und zu viele zuckerhaltige Getränke. Dies wird durch den massiven Anstieg von Werbung für Lebensmittel mit hoher Energiedichte und die ständige Verfügbarkeit von Essen unterstützt. Eine gesunde Entwicklung der heutigen Kinder kann somit nur über ausreichende Aufklärung von allen an der Erziehung und Fürsorge von Kindern beteiligten Gruppen auf der Grundlage geeigneter Interventionsmaßnahmen erfolgen.
Zuletzt bearbeitet 09.11.2009 10:39 Uhr