Ärztin in gesellschaftlicher Verantwortung – Einmischen oder Heraushalten?

Auszug aus dem Vortrag von Prof. Dr. med. Gabriele Kaczmarczyk*

Unterschätzen die Ärztinnen in Anbetracht der gesellschaftlichen Verantwortung, die sie haben, ihre Möglichkeiten zur Veränderung und Verbesserung unseres Gesundheitswesens? Es gilt, an die Veränderbarkeit von scheinbar Unveränderlichem zu glauben. Dies bedeutet aber auch, sich einzumischen. Denn wie es ist, kann es nicht bleiben – weder für die Ärztinnen selbst noch für unsere Patienten und Patientinnen. Immer noch gibt es kaum Ärztinnen in Führungspositionen medizinischer Fakultäten, in Fachverbänden, im Bundesgesundheitsministerium, im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) usw.

Die Geschlechtergerechtigkeit in Medizin und Public Health breitet sich zu langsam aus, Studien über die Wirkung von Medikamenten werden bei Negativergebnissen unterschlagen anstatt veröffentlicht zu werden. Die immer noch recht steilen Hierarchien in Kliniken und Instituten treiben den medizinischen Nachwuchs aus dem Land und eine überbordende Bürokratie verschlingt die Zeit, die für das ärztliche Handeln im eigentlichen und ethisch fundierten Sinn so dringend notwendig wäre. Und im Medizinstudium muss die so genannte Gendermedizin in allen Pflichtfächern des Studiums vertreten sein und Prüfungsstoff und Inhalt von zertifizierten Fortbildungen werden.

Die Zahl weiblicher Ärzte nimmt zu und wird weiter zunehmen. Wer, wenn nicht sie, könnten daraus etwas machen? Das viel beschworene Schreckgespenst der „Feminisierung“ der Medizin ist doch erst recht real, wenn mehr Frauen in Führungspositionen vertreten sind als der Anteil der Studierenden der Medizin beträgt. Schluss auch mit dem Vereinbarkeitsgerede von Familie und Beruf, das sich fast immer nur auf Frauen bezieht, die „alles unter einen Hut“ kriegen sollen.

Was tun? Selbstverständlich starke Netzwerke bilden und vor allem auch pflegen, sich bei Besetzung von Stellen und Posten einsetzen für die qualifizierte Frau – die man schon lange kennt - , selbst für Gremien und Vorstände kandidieren – wissend, dass der Weg an die Spitze unbequem sein kann, Widerspruch wagen und Öffentlichkeit herstellen, Mentorin sein und es der jüngeren Kollegin leichter machen als man selbst es einmal gehabt hat, authentisch bleiben und fair-solidarisch mit anderen Frauen – kurz gefasst: sich vorurteilsfrei gegenseitig unterstützen.

*Prof. Dr. med. Gabriele Kaczmarczyk ist Gründerin des Internationalen Masterstudiengangs Health and Society und International Gender Studies Berlin an der Charité Berlin
Zuletzt bearbeitet 23.11.2011 11:36 Uhr