Kolleginnen organisieren sich

Zwischen 1900 und 1909 konnten in den deutschen Staaten erstmals Frauen zum Medizinstudium zugelassen werden. Erst 1924 wurde – auf Anregung von internationaler Ebene – der Bund Deutscher Ärztinnen gegründet. Es waren keine berufspolitischen Absichten, die zur Gründung führten. Seit jeher hatten die Ärztinnen offene Auseinandersetzungen mit der mächtigen männlichen Ärzteschaft vermieden und sich um kollegiale Akzeptanz bemüht. Sie wollten „in keiner Weise unseren männlichen Kollegen gegenüber in Kampfstellung“ gehen. Erst im Lauf der Jahre vollzog sich der Schritt, offensiv für die Interessen der Ärztinnen einzutreten. Historische Stationen auf einem langen Weg:

1923/24 – Die Gründung

Initiative zur Gründung des Bundes Deutscher Ärztinnen (BDÄ) war ein Beitrittsangebot des Internationalen Ärztinnenbundes an die deutschen Kolleginnen. Die Berliner Frauenärztin Hermine Heusler-Edenhuizen, die Ärztin Lilly Meyer-Wedell, die Kinderärztin Laura Turnau, die Dresdner Frauenärztin Dorothea Dietrich und die Essener Gynäkologin Toni von Langsdorff verschickten daraufhin folgenden Aufruf: „Eine Gruppe deutscher Ärztinnen ist in Berlin zur Gründung eines Bundes Deutscher Ärztinnen zusammengetreten. Die Aufgaben des Bundes sind:
  1. Zusammenschluss der Ärztinnen Deutschlands
  2. Bearbeitung sozial-hygienischer Aufgaben vom Standpunkt der Ärztin als Frau
  3. Ausarbeitung von Vorschlägen für die sozial-hygienische Gesetzgebung
  4. Sorge für die nicht mehr arbeitsfähigen älteren Kolleginnen sowie Unterstützung der jungen Medizinerinnen in ihren Ausbildungs- und Fortbildungsmöglichkeiten”
Am 25. Oktober 1924 fand in Berlin die Gründungsversammlung statt. 280 Ärztinnen waren inzwischen Mitglied – etwa 12 Prozent der insgesamt 2.500 deutschen Ärztinnen.

1924 – erste Ausgabe der ÄRZTIN

Ab Mai 1924 veröffentlichte der BDÄ die bis heute existierende Verbandszeitschrift „Die Ärztin“. in der ersten Ausgabe ist zu lesen, „wie die Mutter in der Familie die härtere Art des Vaters ergänzt zu schöner Harmonie, so möchten wir, dass künftighin auch im Volksleben das bisher ausschließlich männliche Prinzip einen Ausgleich erfahre, durch größere Mitarbeit von mütterlichen Frauen auf Gebieten, die ihrer Wesensart nach der Bearbeitung bedürfen und in Berufen, die ihrer mütterlichen Einstellung besonders liegen, wie unseres ärztlichen, möchten wir, dass sie nicht die Art des Mannes nachahme, sondern immer darauf bedacht sei, ihre eigene Art zu geben. Mit dem selben Wissen und Können ergänzt sie dann, was in der Arbeit des Mannes fehlt“.

1933 – Vollzug der Gleichschaltung

Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde die Vereinheitlichung des Gesundheitswesens und der ärztlichen Standesorganisationen eingeleitet. Im März 1933 hatte der BDÄ über 900 Mitglieder, vertrat also mehr als ein Viertel der 3.400 Ärztinnen, die es damals im deutschen Reich gab. 572 Ärztinnen wurden als „nicht–arisch“ bezeichnet, davon praktizierte etwa die Hälfte in Berlin. Im Vereinsleben des Bundes Deutscher Ärztinnen hatten diese Kolleginnen bis 1933 eine wichtige Rolle gespielt.

Im Zuge der so genannten Gleichschaltung aller Vereine und Verbände im Nationalsozialismus bekannte der Verband sich zu den Zielen der NSDAP und zum Ausschluss aller jüdischen oder kommunistischen Mitglieder. Er wurde in der Folge aus dem Weltärztinnenbund ausgeschlossen. Bereits Ende Juni 1933 war der Ausschluss aller Ärztinnen jüdischer Abstammung vollzogen. Hierzu gehörten mit Else Liefmann, Lilly Meyer-Wedell und Laura Turnau auch drei der sechs Mitglieder des Gründungsvorstands.

1936 – Endgültige Auflösung

Mit der neuen Reichsärzteordnung, die am 1. April 1936 in Kraft trat, musste sich auch der Bund Deutscher Ärztinnen auflösen.

1939–1945 – Zweiter Weltkrieg

In den Kriegsjahren entschied sich das Lebensschicksal der meisten ehemaligen Mitglieder des BDÄ. Viele endeten im Konzentrationslager oder im Exil, in dem die Ärztinnen meist nicht mehr in ihrem Beruf tätig sein durften. In Hannover und in Dortmund trafen sich nach unserem Wissen regelmäßig weiter Mitglieder des aufgelösten Verbands.

1946–1950 – Neugründung als Deutscher Ärztinnenbund

1946 entstand die „Hannoversche Ärztinnengruppe“. Gruppen in der sowjetisch besetzten Zone und in der späteren DDR gab es aus politischen Gründen nicht. Am 09. Juni 1947 gründeten niederlassungswillige Kolleginnen den „Bayerischen Ärztinnenbund e.V.“ als „Kampf-Organisation“. Frauen waren damals besonders bei der Niederlassung in Kassenarztpraxen benachteiligt: Unverheiratete Ärztinnen wurden nicht zugelassen, weil sie keine Familie hatten. Verheirateten war die Zulassung verwehrt, weil das Einkommen ihrer Ehemänner berücksichtigt wurde. Nach längerer Vorbereitung, in der die die Mitgliederzahl 1.200 überschritt, organisierten sich die Ärztinnen seit 1950 wieder bundesweit. Der damals gegründete „Deutschen Ärztinnenbund e.V.“ ist bis heute Plattform und Sprachrohr für die Interessen der Kolleginnen.

Stand: Oktober 2014