Corona: Der Deutsche Ärztinnenbund appelliert, Geschlechterunterschiede bei den Auswirkungen der Pandemie eingehend zu erforschen

Angesichts der beispiellosen Umstände der Corona-Krise appelliert der Deutsche Ärztinnenbund e.V. (DÄB), die Genderforschung in medizinischen und sozialen Fragen zu intensivieren. „Deutschland benötigt eine gendersensible Dokumentation und Auswertung der Corona-Pandemie, um medizinisch und politisch frühzeitig reagieren zu können“, sagt DÄB-Präsidentin Dr. med. Christiane Groß.

So scheinen Männer im Durchschnitt an Covid-19 stärker zu erkranken als Frauen. Aber wie steht es im Gesundheitswesen? In diesem Risikoumfeld arbeiten laut Statistischem Bundesamt zu 75,6 Prozent Frauen – insgesamt 4,3 Millionen Frauen und 1,4 Millionen Männer. Wie sind dort die Infektionsraten und Verläufe von Covid-19? „Derzeit fehlen uns Erkenntnisse über mögliche Unterschiede bei Ärztinnen und Ärzten und den Frauen und Männern in Pflegeberufen“, verdeutlicht Groß.

Prof. Dr. med. Gabriele Kaczmarczyk, Vizepräsidentin des DÄB, erklärt: „Es kommt jetzt darauf an, schon bei der Anamnese die richtigen Fragen zu stellen, um eine gendersensible Auswertung der Krankengeschichten zu ermöglichen. Dafür reicht es nicht, in den Unterlagen das Geschlecht zu vermerken.“ Beispielsweise gilt es, Medikamenteneinnahmen genauso zu erfassen wie relevante Verhaltensweisen, darunter etwa Rauchen, soziale Kontakte oder Konsequenz beim Tragen von Schutzmasken. Am Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) an der Uniklinik Köln sollen alle in Deutschland geplanten und laufenden Studien zu Corona gesammelt werden. „Es wäre wünschenswert, wenn auch eine zentrale Stelle die Berücksichtigung von Genderaspekten im Studiendesign koordiniert“, sagt DÄB-Präsidentin Groß. In einer Serie von Promotionen ließen sich dann schnell, wertvolle Erkenntnisse gewinnen.

Für genauso wichtig hält der DÄB eine längere wissenschaftliche Begleitung der genderspezifischen Auswirkungen der Pandemie. Die Vereinten Nationen (UN) haben die Befürchtung geäußert, dass die zaghaften Fortschritte bei der Gleichstellung gefährdet sind. „Dieses Risiko gilt es zu ergründen“, betont Groß. Durch die Konzentration auf Corona wurde und wird die weitere medizinische Versorgung teilweise heruntergefahren. Wirkt sich das auf die Gesundheit von Männern und Frauen – und ihre Chancen zur Teilhabe – unterschiedlich aus? Was bedeuten soziale Isolation und das erhöhte Risiko für häusliche Gewalt für die gesundheitlichen Lebensläufe, den gesellschaftlichen Status und die beruflichen Chancen?

„Besondere wissenschaftliche Aufmerksamkeit benötigen die Kinder“, sagt DÄB-Präsidentin Groß. „Wir wissen nicht, wie sich selbst in liebevollsten Familienkonstellationen die langen Kontaktbeschränkungen auswirken. Wo Gleichaltrige zum Spielen fehlen und Kinder überwiegend nur noch mit Erwachsenen umgehen, ist zu erwarten, dass sich das im Sozialverhalten niederschlägt. Eine Generation könnte von der Corona-Krise – auch in ihrer Geschlechterrolle – geprägt werden.“ Bekannt ist etwa: Selbst wenn in einer Familie Mutter und Vater in Vollzeit arbeiten, sind die Aufgaben bei der Kinderbetreuung und Hausarbeit nicht gleich verteilt. Frauen leisten neben ihrer Erwerbstätigkeit im Schnitt noch 60 Prozent der Familienarbeit. Nehmen sich das Kinder zum Vorbild oder wollen sie es lieber später anders machen?

„Eine große Gefahr sieht der DÄB für die Karrieren von Frauen im Arztberuf“, sagt Groß. Die Angleichung der Anteile von berufstätigen Ärztinnen und Ärzten ist gerade erst im vollen Gang. „Bei den wissenschaftlichen Führungspositionen hängt die Medizin mit einem Frauenanteil von nur 13 Prozent sogar bedenklich zurück“, sagt Groß. „Besonders bei den Spitzen-Frauen in der Forschung ist die berufliche Zukunft durch die anhaltende Not bei der Kinderbetreuung bedroht. Wer eine Professur anstrebt, muss viel publizieren. Doch in dieser beruflich entscheidenden Phase haben Frauen ihre Kinder – um die sie sich jetzt und wohl noch längere Zeit verstärkt kümmern müssen.“ Eine mögliche Unterstützung wäre es, Forschende mit Kindern besser mit Personal auszustatten, dass ihnen wissenschaftlich zuarbeitet.

Negative Wirkungen auf die Berufschancen fürchtet der DÄB auch bei allen Frauen, wie Ärztinnen und Pflegerinnen, die momentan einen Großteil der medizinischen Betreuung stemmen. „Es ist leider realistisch, dass den Frauen die Mehrbelastung mit Familienaufgaben nach dem Ende des Shutdowns erhalten bleibt.“ Der DÄB fordert die Politik auf, Strategien zu entwickeln, die dem entgegenwirken. „Versäumnisse in der Gleichstellungspolitik der vergangenen Jahre werden jetzt durch die Mehrbelastung der Frauen offensichtlich“, sagt Groß. Der DÄB bekräftigt darum die Forderungen des Deutschen Frauenrates, dessen Mitglied er ist, unter anderem, das Geld in den öffentlichen Haushalten geschlechtergerecht zu verteilen.
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