DÄB-Kongress: Ärztinnen fordern schnelle Präzisierung der Gefährdungsbeurteilung und verleihen 3 renommierte Preise

Am Sonntag ist der 36. Kongress des Deutschen Ärztinnenbundes e.V. (DÄB) in Erfurt erfolgreich zu Ende gegangen. Der DÄB forderte dabei die gendergerechte Berücksichtigung von Frauen in allen Sparten des Gesundheitswesens, bei der Mitbestimmung und in der medizinischen Versorgung. Insbesondere das Mutterschutzgesetz von 2018 erweise sich für das Gesundheitswesen noch nicht als praktikabel. Zudem positionierte sich der DÄB gegen eine neue Konjunktur des Antifeminismus, der die frauenpolitischen Errungenschaften der vergangenen 50 Jahre bedroht.

Die oft unerwünschte Arbeitsunterbrechung während der Schwangerschaft war eines der zentralen Themen beim DÄB-Kongress. Das seit Januar 2018 gültige, neue Mutterschutzgesetz sollte es Schwangeren eigentlich erleichtern, weiter zu arbeiten, wenn sie das wollen. „Leider hat es die Möglichkeiten für alle schwangeren Frauen, die im Gesundheitswesen tätig sind, deutlich verschlechtert“, bilanzierte Dr. Christiane Groß, Präsidentin des Ärztinnenbundes. Die notwendige Gefährdungsbeurteilung bedinge in vielen Fällen „definitiv ein Beschäftigungsverbot.“

„Ärztinnen trifft es mehrfach“, berichtete Groß. Die Weiterbildung wird unterbrochen, wodurch die Karriere zumindest zeitlich in Stocken gerät. In Arzt- und Zahnarztpraxen fallen Mitarbeiterinnen aus, was auch zu Lasten der Patientinnen und Patienten geht. Ärztinnen, die operieren, bringt eine Schwangerschaft oft in einen Konflikt: Wollen sie weiter tätig sein, müssen sie ihre Schwangerschaft möglichst lange geheim halten. „Der Karriereknick beginnt für viele junge Frauen schon im Medizinstudium“, ergänzte DÄB-Präsidentin Groß. Für jeden Kurs müssen die Gefährdungsbeurteilungen vorgelegt werden. Das führt dazu, dass die Studentinnen viele Kurse nicht absolvieren dürfen. Damit erweise sich das neu für Schülerinnen und Studentinnen eingeführte Mutterschutzgesetz als Bumerang für die Karriere der zukünftigen Ärztinnen.

Das Fazit des DÄB: Das neue Mutterschutzgesetz war gut gemeint, ist aber schlecht gemacht. Der DÄB forderte den Gesetzgeber auf, die Vorgaben für die Gefährdungsbeurteilung rasch zu präzisieren, um ein sicheres Arbeiten für Schwangere tatsächlich zu ermöglichen oder sinnvolle alternative Arbeitsplätze bereit zu stellen. „Das Gesundheitssystem kann es sich nicht leisten, dass die Abstimmungsprozesse vielleicht sogar bis zu zehn Jahren dauern“, mahnte Groß. „Eine ganze Generation von Ärztinnen wäre in ihrer beruflichen Entwicklung behindert.“

Die Zukunft der Medizin beleuchtete der Kongress auch unter anderen Aspekten. Genderfragen in der Hospizarbeit und Palliativversorgung waren dabei ebenso Thema wie Roboter in der Altenpflege und Defizite in der Versorgung, bedingt durch die Vernachlässigung von Erkenntnissen der Gendermedizin. Beispielsweise erleiden Frauen mehr Arzneimittelnebenwirkungen als Männer. Insbesondere bei wichtigen Herzkreislauf-Medikamenten sind vermutlich für Frauen die Dosierungen, die in den Leitlinien empfohlen werden, zu hoch.

Die DÄB-Präsidentin, Dr. Christiane Groß, forderte Gendermedizin in der Aus- und in der Weiterbildung für alle Fächer zu etablieren. Sie warnte in diesem Kontext aber auch vor dem Wiedererstarken der Antifeministen in Deutschland, auch weil aus deren Sicht Gendermedizin eine Ideologie ist die nicht akzeptiert werden soll.

Beim Kongress wurden mehrere Auszeichnungen und Preise vergeben: Den mit 4.000 Euro dotierten DÄB-Wissenschaftspreis erhielt Dr. Ute Seeland vom Institut für Geschlechterforschung in der Medizin der Charité in Berlin für ihre Forschungsarbeit „Geschlechterunterschiede bei der arteriellen Pulswellenreflektion und der Einfluss endogener und exogener Sexualhormone: Ergebnisse der Berliner Altersstudie II“. Die arterielle Gefäßsteifigkeit ist ein Hauptproblem bei der Entstehung von Bluthochdruck.

Die Auszeichnung „Mutige Löwin“, gestiftet von Elke Burghard, Ärztliche Psychotherapeutin aus Neumünster, ging an Cordula von Brandis-Stiehl, Ärztin für Psychotherapie in Marburg. Sie ist ein Vorbild für Frauen, die sich in ihrem Beruf trotz Handicap und gegen viele Vorurteile durchsetzen. Während des Medizinstudiums erblindete sie und nahm sich vor, nie so gefühllos zu werden, wie viele Ärzte, die ihr als Patientin begegnet waren. Nach „jahrelangem Kampf“ mit Behörden und Vorurteilen, setzte sie es durch, eine Praxis für Psychotherapie zu eröffnen. Cordula von Brandis-Stiehl engagiert sich zudem in der Selbsthilfevereinigung Pro Retina Deutschland.


Die „Silberne Feder“, der Kinder-und Jugendbuchpreis des Deutschen Ärztinnenbundes, geht 2019 an das norwegische Autoren- und Illustratorenpaar Gro Dahle und Svein Nyhus und an die Übersetzerin Dr. Christel Hildebrandt für "Bösemann" – ein Bilderbuch über häusliche Gewalt. Das im NordSüd Verlag erschienene Buch erzählt die Geschichte des kleinen Jungen Boj und seiner Mutter. Sie leiden unter den Zornausbrüchen des Vaters, der sie schlägt. Psychologisch genau beobachtend, vermittelt „Bösemann“ die Botschaft: Betroffene Familien müssen über die häusliche Gewalt sprechen und sprechen können. Am Ende des Buches finden sich Kontaktadressen von Beratungsstellen für Opfer häuslicher Gewalt. Neben dem Preisgeld von 2.000 Euro gehört zum DÄB- Kinder-und Jugendbuchpreis eine handgeschmiedete „Silberne Feder“.
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